Ein Jahr nach dem Automdeal: "Hoffnung" oder "Ernüchterung"?

 

Autor:
Amir Alizadeh
Stv. Geschäftsführer der AHK Iran

Als die Regierung im Iran nach dem historischen Atomabkommen vom Juli 2015 in Wien, bekannt als der „gemeinsame umfassende Aktionsplan“ (JCPOA), weit früher als international erwartet ihre Aufgaben erfüllte und die darin enthaltenen Vorgaben umsetzte, und als die internationalen Sanktionen im Gegensatz zur allgemeinen Annahme nicht erst innerhalb des ersten Quartals 2016, sondern nur 16 Tage nach Beginn des neuen Jahres ausgesetzt wurden, entstand die Hoffnung, dass sich die wirtschaftliche Lage im Land sehr schnell wieder normalisieren würde. Unter Geschäftsleuten und Unternehmen kam eine starke Aufbruchsstimmung auf. Die Deutsch-Iranische Industrie- und Handelskammer hat zwischen Juli 2015 und Ende 2016 über 30 Wirtschaftsdelegationen aus Deutschland empfangen. Aus dem Iran reisten in dieser Zeit ebenso zahlreiche größere und kleinere Handelsdelegationen nach Deutschland.

In den letzten Monaten werden aber in manchen Medien und unter einigen Experten Stimmen über eine „Rückkehr der Ernüchterung“ laut. Andere stellten gar pessimistisch die Errungenschaften des JCPOA und die beispiellos hohe Zahl der Besuche von Wirtschaftsdelegationen in Frage.

Tatsache ist, dass die Besserung der Bankenbeziehungen unter den Erwartungen geblieben ist. Es ist auch wahr, dass die Folgen des Aktionsplanes bei der iranischen Nation nicht greifbar angekommen sind. Die Wirtschaft im Iran kämpft besonders um zwei Etappensiege, nämlich einen schnellen Anschluss iranischer Banken an das internationale Bankensystem und die Eindämmung der Arbeitslosenrate besonders unter der jungen Bevölkerung. Die Weltbank hat in ihrem Bericht „Iran Economic Monitor Autumn 2016“ auch diese zwei Punkte erwähnt: Dass ein Wirtschaftswachstum von sieben Prozent bisher keinen Rückgang der Arbeitslosenrate bewirken konnte, stelle eine ernstzunehmende Gefahr dar, so im Bericht der Weltbank.

Aber ist es trotz allem angebracht von „Ernüchterung“ zu sprechen? War die Euphorie nach jahrelangen Sanktionen und Ausschluss von internationalen Märkten realistisch? Antworten kann ein Blick auf die harten Fakten liefern. 

Nach zwei Jahren Stagnation, 40% Inflation und einem Wirtschaftswachstum von -5%, erlebt die iranische Wirtschaft heute nach langer Zeit wieder eine einstellige Inflationsrate. In der ersten Hälfte des persischen Jahrs (März - September 2016) ist sie um 7% gewachsen. Der Wirtschaftsaufschwung ist hauptsächlich der rasanten Ölproduktion zuzuschreiben, die sich wieder schnell an die 4-Mio. B/D Grenze herangearbeitet hat. Bestätigte ausländische Investitionen betrugen 2016 mehr als 11 Mrd. Euro. In den vergangenen zehn Jahren gingen direkte ausländische Investitionen (FDI) nie über 5 Mrd. Euro im Jahr hinaus. Auch darf man die Rückkehr großer europäischer Unternehmen aus den Sektoren Energie, Automotive und Infrastruktur in den iranischen Markt nicht unterschätzen. Iran konnte nach 40 Jahren erstmals wieder neue Flugzeuge direkt bei führenden Herstellern kaufen. Für Wiederaufbau und Modernisierung der gesamten Transportflotte und -infrastruktur liegen gute Pläne vor. Geldüberweisungen sind nach wie vor problematisch, können aber im Vergleich zur Zeit vor dem Abkommen einfacher getätigt werden. Das gilt besonders in Bezug auf die Rückkehr der Europäisch-Iranischen Handelsbank.

Die Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Iran haben sich erheblich gebessert. Deutschland steht wieder unter den fünf ersten großen Warenlieferanten in den Iran. Der Export in den Iran aus Deutschland wies 2016 im Vergleich zum Vorjahr 25% Wachstum auf, was hauptsächlich auf Maschinen und Anlagen zurückzuführen ist. Dabei ist interessant zu beobachten, dass 2017 der Export Chinas in den Iran 7,7% zurückging.

In Anbetracht dieser Tatsachen kann man wohl kaum von „Ernüchterung“ und „Hoffnungslosigkeit“ sprechen. Selbstverständlich gibt es noch viel zu tun. Die iranische Regierung muss die Märkte liberalisieren und Transparenz schaffen, um Investitionen anzukurbeln, die Hindernisse der Produktion beseitigen und das Geschäftumfeld („Doing Business“) verbessern, damit Investitionen und der Arbeitsmarkt Rückenwind erhalten. Nur so kann der Atomdeal fruchtvoller und greifbarer werden.

Wir in der Deutsch-Iranischen Industrie- und Handelskammer werden 2017 sicherlich weniger Wirtschaftsdelegationen als 2016 haben. Das wiederum ist an sich kein schlechtes Zeichen, denn die Anfragen und Anforderungen an die AHK Iran haben sich geändert. Anstelle großer branchenübergreifender Delegationen werden kleinere spezifische Delegationen erwartet, die im kommenden Jahr im Bereich von Labortechnik, Schiffbau, Bahn, Umwelt und erneuerbare Energien aus Deutschland anreisen werden. Auf 18 internationalen Messen im Iran wird es dieses Jahr deutsche Gemeinschaftsstände mit Bundesbeteiligung geben. Darüber hinaus ist die Nachfrage nach Beratung durch die Kammer bei Firmengründungen im Iran, Geschäftspartnervermittlung, Marktforschung, Events und Fachseminaren gestiegen. Die neuen Räumlichkeiten der Kammer erlauben es uns, eine höhere Anzahl von Seminaren und Veranstaltungen abzuhalten.

Mitgliedschaftsanträge an die Kammer sind sowohl unter iranischen als auch unter deutschen Unternehmen erheblich gestiegen. Im neuen Jahr werden wir uns intensiver für eine Vernetzung unserer Mitglieder und die Weiterentwicklung unseres Dienstleistungsportfolios einsetzen.

Die Ausbildungsabteilung der Kammer ist nun in Zusammenarbeit mit deutschen Akademien, die vor dem Atomabkommen weniger Möglichkeiten vor Ort hatten, aktiver geworden. Fachseminare mit deutschen Dozenten und Experten, Ausbildungs- und Industrie-Fachexkursionen in Deutschland sowie Kurse für Wirtschaftsdeutsch werden u. a. von der Kammer angeboten.

Mit anderen Worten sind die Beratungsdienstleistungen der Kammer spezifischer geworden. Das zeigt, dass deutsche Unternehmen sich darauf vorbereiten, den nächsten Schritt auf den iranischen Markt zu machen.

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Quelle: Kammerzeitschrift Nr. 94

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